Spinnenphobiker

Als Spinnenphobiker hat man eine permanente Angst, die man ständig in sich trägt: plötzlich auf eine Spinne zu treffen. Was passiert mit mir, wenn ich eine Spinne sehe? Zu allererst packt mich der Fluchtgedanke. Kopflos renne ich davon. Raus aus dem Zimmer. Dabei nehme ich alles andere um mich herum nicht wahr. Ich renne gegen Gegenstände, gegen Menschen – alles egal. In diesem Moment muss ich unbedingt den nötigen Abstand zwischen der Spinne und mir gewinnen.

Wie viel Abstand brauche ich?
Das hängt von der Größe der Spinne und von der Umgebung ab. Ein enger Raum mit tiefer Decke – ganz gefährlich! Wenn ich in eine Toilettenkabine gehe, die ein hohes Spinnenpotential birgt, laufe ich geduckt durch die Tür und versichere mich, ob alle Ecken spinnenfrei sind. Sind sie das nicht, entscheidet meine Angst, ohne Konsultieren meines Gehirns, ob ich den Abstand zwischen der Spinne und mir tolerieren kann, oder nicht. Wenn nicht – dann raus und erstmal den Sichtungsschock verarbeiten!

So, jetzt bin ich geflohen. Wie weiter? Ich selbst kann der Spinne durch meinen Mindestabstand nicht zu nahe kommen. Eine Spinne selbst töten? Unmöglich. Selbst raustragen? Utopisch! Mir muss dringend jemand helfen, denn das spinnenverseuchte Zimmer kann ich so nicht mehr betreten. Die Spinne muss weg. Am liebsten soll sie tot sein – eine weniger, die mir auflauern kann. Es hilft mit nicht, wenn mir jemand sagt, die Spinne sei weg, wenn sie es nicht wirklich ist. Als Spinnenphobiker spürt man die Anwesenheit der Spinne. Außerdem ist man extrem sensibel im Hinblick auf Lügen. Du willst mir erzählen, die Spinne ist weg? Vergiss es – nicht mit mir! Außerdem ist der Spinnenphobiker an sich dazu verdammt, eine Spinne stets als erster, oder sogar als einziger, zu sehen. „Da ist eine Spinne!“ „Wo denn?“ „Na, daaaa!“ „Ich seh nix.“ „Doch, daahaaaa!“

Meine Reaktion auf eine plötzliche Konfrontation mit einer Spinne nach der Flucht: Ich werde hysterisch, trete auf der Stelle, verschränke die Arme schützend vor mir und habe panische Angst, dass sich die Spinne ihren Weg zu mir bahnt und mich berühren könnte. Eine Spinne berühren? Niemals! Einen Menschen berühren, der gerade eine Spinne angefasst hat? Um Gottes Willen! In extremen Schocksituationen breche ich in Tränen aus. Kein stilles Weinen – eher ein unkontrolliertes Schluchzen. So passiert letzten Abend: Eine Riesenspinne (wirklich!) konnte entkommen und sitzt jetzt irgendwo im Schlafzimmer. Mein Spinnensensor sagt mir, dass sie irgendwo zwischen Heizung und Bett (meiner Bettseite natürlich) sitzt. Ich bin mir sicher, ich habe recht.

Die Vorstellung, dass ich dieses Tier noch einmal sehen muss, jagt mir so viel Angst ein, dass ich mich nicht mehr in das Zimmer traue. Innerlich bin ich so angespannt, dass ich mich übergeben könnte, weil ich ständig mit der Sichtung meines Panikobjekts rechnen muss. Ich bin schon so weit, dass ich mich nicht mehr nach Hause traue und das Zimmer betreten muss. Die letzte Nacht schliefen mein Freund und ich auf der Couch im Büro. Gott sein dank, hat er mich nicht allein gelassen. Man fühlt sich den Spinnen nicht ausgeliefert und muss Angst haben, dass sie sich an einen ran trauen. Ob er dasselbe in der nächsten Nacht mitmacht, bezweifle ich stark. Dass ich aber schon genug Abstand zur Objektsichtung hatte, um unterbewusst sagen zu können, es ist ok, in diesem Zimmer zu sein, bezweifle ich noch mehr.

Wie hilft man Spinnenphobikern?
Wie sollte man reagieren, wenn man es mit einem Spinnenphobiker zu tun hat? Eines ist klar: Sätze wie, „die tut dir doch nichts“ helfen dem Phobiker nicht weiter. In ihm entwickeln sich irrationale Reaktionen, die wahrscheinlich durch biologische Stoffe erzeugt werden. Der Körper wird mit dem Stoff von oben bis unten zugeschüttet – ein Strom von unerklärbaren, irrationalen Gefühlen bricht auf den Phobiker herab. „Die tut dir nichts“ ist in dieser Situation absolut unpassend und verstärkt das Gefühl der Hilflosigkeit, da einem dadurch nicht geholfen wird. Niemals, wirklich niemals, sollte man einen Phobiker mit „Schocktherapien“ behandeln wollen. Ihm eine Spinne unerwartet entgegen zu halten oder auf den Körper zu setzen, verschlimmert die panische Angst und nimmt dem Phobiker das Vertrauen in den „Therapeuten“. Nie wieder wird er ihm vertrauen, dass er ihn nicht noch einmal solcher Angst aussetzt.

Das Beste in dieser Situation: Tun was der Phobiker verlangt und die Spinne entfernen. Aber vorschlagen, eine kleine Spinne in einem abgeschotteten Bereich, zum Beispiel in einem Glas oder in freier Natur (der Raum ist größer, die Fluchtwege sind frei) gemeinsam beobachten. Auf keinen Fall drängen, etwas zu tun, was der Phobiker nicht will. Die Konfrontation sollte häufig in einem vorhersehbaren Rahmen stattfinden. „Schatz, komm ich fang die Spinne in einem Glas und wir schauen sie uns gemeinsam an“ bringt mehr als dem Phobiker das Glas unerwartet vor’s Gesicht zu halten. Außerdem sollte der notwendige Abstand des Phobikers zum Objekt stets respektiert werden. Nicht die Spinne soll sich zum Phobiker bewegen, sondern der Phobiker zur Spinne. Er muss die Kontrolle über die Situation haben.

19.8.09 12:02

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bisher 9 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Alma (19.8.09 20:12)
Hallo Jule.

Danke für Deinen "spinnigen" Beitrag. Ich weiß wovon Du sprichst! Bis bald in einem spinnenfreien Heim.
Tschau, Tschau.


Jule / Website (20.8.09 20:30)
Hallo Alma,

ich freue mich auch auf ein spinnenfreies Heim - und auf ruhige Nächte ohne ständiges "Oh-Gott-hier-ist-ne-Spinne-im-Raum"-Aufwachen. Es wird also ein erholsames Wochenende!

Bis bald, Jule


Chrissi (23.8.09 20:39)
Ich kann mich sowas von mit deinem Eintrag identifizieren! Bei mir ist genauuu so!Verdammte Spinnentiere...


Julie / Website (24.8.09 16:59)
Hey Chrissi,

immerhin: wir sind nicht allein! Hoffentlich kommt mal nie ne Spinne wenn wir allein sind ...

Bis bald, Julie


Chrissi (31.8.09 15:55)
stimmt :-)
zur not:
http://www.amazon.de/X4-Life-SpiderEx-Spinnen-Ameisenschreck-6er/dp/B001BRUE16/ref=pd_cp_hg_2


Chrissi (31.8.09 15:56)
oder:
http://www.amazon.de/NoName-001000-Spider-Catcher-Spinnenf%C3%A4nger/dp/B00013YX0E

wobei ich nicht mal weiß, ob ich mich damit trauen würde....


Jule / Website (31.8.09 20:32)
Liebe Freunde und Familie,

zum Einzug in die neue Wohnung wünsche ich mir das hier: http://www.amazon.de/X4-Life-SpiderEx-Spinnen-Ameisenschreck-6er/dp/B001BRUE16/ref=pd_cp_hg_2

Vielen Dank, Jule

PS: Danke an Chrissi für den Tipp!


Irene (11.9.09 11:58)
Hey Julie,
dein Spinnenbericht ist echt gut...
die schlimmen Gedanken kenn ich einfach viel zu gut...

Vielleicht sollt ich mich wirklich mal terapieren lassen, aber da bleibt immernoch die frage... "Will ich das wirklich", ich weiß nicht, ob ich wirklich täglich mir spinnen anschauen will und versuchen will mit ihnen freundschaft zu schließen, oder ob ich nicht einfach so bleib und meine umwelt mir die spinnen tötet, ich bin zumindest 24 Jahre alt geworden mit dieser methode und die leute haben mich so akzeptiert...

also, viele liebe Grüße Irene


Antje (12.1.13 10:27)
Hallo,

das ist wirklich ein sehr guter Beitrag. Ich leide selber unter wirklich krankhaft, hysterischer Angst vor Spinnen. Oftmals fange ich direkt an zu weinen, wenn ich damit konfrontiert werde. Ich halte es noch nicht mal aus, mir ein Bild von einer Spinne anzusehen. Leider ist mein Freund nicht so verständnisvoll wie deiner. Er hat eine große Gummispinne, die er mir schon mal ohne Vorwarnung zugeworfen hat oder sie setzen sie vors Badezimmer um mich zu "ärgern", worauf ich mich mindestens eine halbe Stunde nicht raus traue, bis ich wirklich sicher bin, dass sie weggenommen wurde. Genau wie von dir beschrieben fange ich total an zu hyperventilieren und wenn die Situation zu viel wird auch zu heulen. Nehme ich die Spinne nur war,in angemessener Entfernung, dann kann ich jemanden ruhig darum bitten, sie weg zu machen. Dabei zusehen kann ich aber auf keinen Fall, denn ich ertrage es nicht ihre Bewegungen zu sehen. Bekomme ich dann aber gesagt, dass sie bei dem Versuch des wegmachens zum Beispiel runtergefallen ist und nicht mehr gefunden werden kann, werde ich sofort hysterisch. Mein ganzer Körper krabbelt und prickelt und ich halte es kaum aus, meine Füße auf dem Boden zu haben. Die Gedanken erdrücken mich.

Ich glaube das größte Problem ist, dass die meisten Leute nicht den Unterschied zwischen Angst und Ekel verstehen. Natürlich ist mir klar, dass die Spinnen hier mir körperlich keinen Schaden zufügen können, aber ich finde sie einfach so extrem abstoßend, dass ich ihre Nähe unter keinen Umständen ertragen kann.

Eine Therapie traue ich mir nicht zu, denn es ist ja relativ bekannt, dass da früher oder später die Konfrontation auf einen zukommt ;-)

Schön, dass ich nicht die Einzige bin, der es so geht...

P.S: schlimmste Reaktion "die hat mehr Angst vor dir als du vor ihr"

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